Novemberkasan 1962
Tibblin siegt und „Heja ZÜNDAPP“!
Wie Zündapp einst mit einer Fünfziger, Schwedens härtesten Geländesport-Wettbewerb bewältigte!
Den Novemberkasan in Schweden kann man getrost als die Mutter aller Extremenduros bezeichnen. Seit 1915 ausgetragen, war es immer eine enorm schwere Mischung aus Trial ähnlichen Passagen und einer Geländefahrt die sehr viel Tempo verlangt. Einfach skandinavisch ungestüm, so wie auch das Zuschauerverhalten entlang der Strecke, nämlich volksfestartig mit Trinkgelagen und Lagerfeuern. Es genügte auch nie ein Sieg allein, um ein Held des Novemberkasan zu werden, sondern den „großen Gewinnerpokal“ bekommt auch heute noch nur derjenige Fahrer, der drei Siege aufzuweisen hat. Demzufolge wurden und werden die Seriengewinner des Novemberkasan stets als echte Enduro Helden in Schweden verehrt. Und in so einer Situation, als sich Schwedens Moto-Cross Nationalheld, der 500 ccm Weltmeister Rolf Tibblin anschickte, 1962 seinen dritten Sieg in Folge anzustreben, war der Blick der Medien nicht ausschließlich auf ihn gerichtet. Auf Wunsch des schwedischen Zündapp Generalimporteurs hatte das Zündapp Werk München ein Team mit drei Fahrern, Richard Hessler (250), Volker Kramer (100) und Günther Sengfelder (50) für die Seniorenklasse entsandt. Und hier lag das Augenmerk vor allem auf Günther Sengfelder, dem siebenfachen deutschen Trial Meister und damals frischgebackenen Silbervasengewinner der Sixdays von Garmisch-Partenkirchen. Er sollte das Unmögliche möglich machen und den „Kasan“ mit einer 50iger Maschine bewältigen.

Der ehemalige Zündapp Werksfahrer hat diesen besonderen Einsatz nicht vergessen: „Zündapp Sportchef Georg Weiß hat mich regelrecht gezwungen, diesen Wettbewerb als einziger Teilnehmer überhaupt mit einer 50iger zu fahren. Wir wussten absolut nicht was da auf uns zukommt. Wir hatten nur gehört, dass der Novemberkasan äußerst extrem und schwierig sein würde. Start und Zielort war im Jahr 1962 Trollhättan. Die Geländerunde war mehr als 200 Kilometer lang und musste zuerst in einer Nachtetappe befahren werden. Am nächsten Vormittag folgte dann noch die identische Tagesrunde. Meine Startzeit war 18.18 Uhr, exakt eine Minute nach dem Topfavoriten Rolf Tibblin, der eine leichte und leistungsstarke 250iger Husqvarna Werksmaschine fuhr. Ich hatte unsere 50iger Sixdays-Maschine zur Verfügung, an der nur der Vorderradkotflügel etwas höher montiert war. Die Streckenbeschilderung war geradezu dürftig. In den dichten Wäldern war die Fahrspur nur durch im Scheinwerferlicht leuchtende Lametta ähnliche Fäden an Ästen und Büschen gekennzeichnet. Wenn man sich verfahren hat, war es in der Dunkelheit sehr schwer, wieder zur Strecke zurückzufinden. Unser Hauptscheinwerfer bot wegen der Magnetzündung bei geringer Drehzahl natürlich auch nur sehr schwaches Licht, was die Sache nicht einfacher machte. Als Trialfahrer war ich es gewohnt, die Füße möglichst immer auf den Rasten zu haben und so kam ich relativ gut durch die langen und sehr tiefen Schlammpassagen, Sümpfe oder die zu querenden Wasserläufe, trotz der herrschenden Nässe und Kälte. Oftmals musste ich die Zündapp aber auch über querliegende Bäume heben. An den schwierigen Passagen waren in der Nacht massenhaft Zuschauer und haben an Lagerfeuern gefeiert. Als es einmal an einem See entlang ging, wo sich auch Hütten für Urlauber befanden, haben betrunkene Fans die Haustür einer Hütte herausgerissen und groß mit „Heja Zündapp“ beschriftet. Die Tür wurde wild geschwenkt, als ich vorbeikam. In einem der zahlreichen Sümpfe kam ich völlig abgekämpft und erschöpft in der Dunkelheit zu Sturz. Eine Lasche am Bein meiner Belstaff Hose hat sich dabei an der Fußraste verfangen. Klapprasten gab es noch nicht. Ich lag eingeklemmt unter der Zündapp und konnte mich nicht mehr selbst befreien. Es war ein richtiges Glück, dass nach einiger Zeit ein paar angetrunkene Zuschauer vorbeikamen und mir aufgeholfen haben. Mit enormer Verspätung auf die Sollzeit erreichte ich spät in der Nacht doch noch das Ziel. Und nach nur wenigen Stunden Schlaf ging es dann am Sonntag kurz nach 7 Uhr, noch in der Dämmerung, auch schon wieder auf die gut fünfstündigen Tagesetappe mit 14 Zeitkontrollen. Von 28 Startern in der Seniorenklasse erreichte ich schließlich total abgekämpft als 18. und zugleich letzter mit 102 Strafpunkten das Ziel. Die meisten Etappenzeiten waren für mich zeitlich einfach nicht zu schaffen“.
Es war das erste Mal in der Geschichte des Novemberkasan, dass eine 50iger Maschine überhaupt ins Ziel kam. Von 103 gestarteten Teilnehmern in den drei versch. Klassen erreichten lediglich 57 Fahrer das Ziel (Zündapp`s Richard Hessler und Volker Kramer schieden aus) und Sengfelder war keinesfalls der Gesamtletzte. Die Presse hielt den Zündapp Erfolg 1962 noch für einen Zufall. Als Günter Sengfelder 1964 den Novemberkasan in Örebro, der vom Gelände her nochmals schwieriger war, als 50iger Fahrer erneut beendete, erhielt er für seine außerordentlichen Leistungen einen Ehrenpreis der schwedischen Sportpresse überreicht.
Den Wettbewerb 1962 in Trollhättan gewann Topfavorit Rolf Tibblin. Mit seinem dritten Sieg in Folge wurde er damals der erst sechste Novemberkasan-Pokalgewinner in der Veranstaltungsgeschichte. Auch 1963 und 1964 konnte er sich erneut in die Siegerliste eintragen. Fünf Siege in Folge, eine herausragende sportliche Leistung des Mannes, der sich auf die stundenlangen Strapazen in den schwedischen Wäldern äußerst professionell vorbereitet hat, wie er uns von Enduro-Klassik.de exklusiv berichtete. Durch die Teilnahme an der 500er Moto-Cross Weltmeisterschaft, die Rolf Tibblin mit einem Viertakt Dampfhammer 1962 und 1963 für Husqvarna gewinnen konnte, waren seine körperlichen und fahrerischen Voraussetzungen natürlich schon außergewöhnlich gut. Und dennoch: „Eine Woche vor dem Rennen habe ich damit begonnen, mich körperlich intensiv darauf vorzubereiten. Ich bin jeden Tag bereits vor 22 Uhr zu Bett gegangen und habe viel geschlafen. Vor dem Frühstück aus Haferflockenmüsli habe ich zudem täglich einen Liter warmes Wasser getrunken und damit meine Flüssigkeitsspeicher im Körper aufgefüllt. Meine Tagesmahlzeiten bestanden aus gekochten kraftvollen Eintopfgerichten. Und zudem bin ich jeden Tag ganz viel Motorrad gefahren. Erst am Tag vor dem Rennen habe ich auf das Fahrtraining verzichtet, um meine Kräfte zu schonen“. Die lange Siegerliste von „Roffe“ Tibblin zeigt, dass sich sein striktes Vorbereitungsprogramm gelohnt hat. Und so konnte er sich 1962, mit dem langersehnten Pokal in den Händen, strahlend den Pressefotografen stellen. Doch die schwedische Presse agierte sportlich fair und fand daneben auch ausreichend Platz, um die großartige Leistung des deutschen 50iger Fahrers Günter Sengfelder zu würdigen. „Heja Zündapp“ / BL
Enduro-Klassik.de bedankt sich bei Janne von Husqvarna-Silverpilen für die Überlassung von historischen Unterlagen und Bildern aus seinem Archiv.





