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Deux Jours de Stavelot: Geländesport vom Feinsten in den Ardennen

Ein Bericht von Sven M.

Vor zwei Jahren scharte Klassikfahrer Jörg Bezold eine Handvoll Gleichgesinnte um sich, um die Geländefahrt „Rund um Ohrdruf“ wieder zu beleben, die sein Vater Konrad anno 1985 aus der Taufe gehoben hatte – um dann 1991 die Startflagge endgültig in den Spind zu hängen. Zu Recht feierte Enduro Klassik 2020 das Revival der Geländefahrt in der Region der Sechstagefahrt von 1964 als „Paukenschlag“. Viel Gelände, tolle Organisation, gute Stimmung.

Nun hat die belgische Geländesport-Institution Phillipe Gregoire mit seinen Leuten die Zweitagefahrt von Stavelot zu neuem Leben erweckt. Und wie! Mit Blitzschlag und Donnerhall was den sportlichen Teil betrifft, würde ich sagen. Der 65 Kilometer Rundkurs hell und blendend wie der Lichtstrahl eines Blitzes. Mit Donnerhall, weil es für mich ein nachhaltiges Ausrufezeichen im Kalender setzt. Die Strecke, wie in guten alten Zeiten: 90% Gelände!!! Asphalt nur als Verbindung. Das Gelände selbst? Ausnahmslos Gelände. Keine Feldweg-Orgie oder Waldautobahnen, fast alles auf Geländsportmotorräder ausgelegt. Gefühlt 70% im Wald, schöne lange Auf- und Abfahrten, zerklüftete Forstwege, Singletrails, Schlammlöcher, Wurzelpassagen, dazu noch überwachsene Hohlwege. Der nackte Wahnsinn! Anspruchsvolles Gelände, die reinste Spielwiese für Mensch und Maschine. Mein Puls lief in der ersten Runde 20-30 Umdrehungen höher vor Freude aber auch vor positiver Anstrengung. Endorphinausschüttung am laufenden Meter. Keine heftigen Ab- oder Auffahrten, bei denen Pilot/in und Maschine größeren Schaden nehmen können, sondern alles flüssig zu fahren. Aber „höggschte Konnnzendration“ (Gruß an Jogi) war stets angesagt. Der felsige Untergrund des Kalkstein- und Schiefergebirges tat sein übriges und sorgte nicht nur für reichlich Geröll sondern auch für Dauerschütteln im Knochen- und Muskelapparat. Bei Regen oder nassem Boden wäre es heftig geworden. Und es muss ja nicht gleich wie bei der Premiere 1972 sein, als ganze 17 Fahrer die Strapazen im Dauerregen bewältigten. Darunter an dritter Stelle besagter Grégoire Philippe. Nach 1996 schafften es die Grünen leider auch in Stavelot die jährliche Sportveranstaltung zu verhindern.

Letztes Jahr hatte Grégoire die wunderschöne Veranstaltung in Aywaille, keine 30 Kilometer entfernt, organisiert. Nun das Zepter an den professionellen Rennveranstalter DG Sports übergeben, der bislang im Straßenrennsport und Auto Rallye-Bereich aktiv sind. Wie die es geschafft haben, diesen sensationellen Parcours in einer Urlaubsregion an der Grenze zum Naturschutzgebiet „Hohe Venn“ genehmigt zu bekommen, ist erstaunlich und bewundernswert. Gaaaanz großes Kompliment! Man stelle sich vor um den Nürburgring in der Eifel 65 Kilometer Trails durch den Wald auszupfeilen …

DG Sport veranstaltet seit 15 Jahren die Bikers‘ Classic für historische Straßenrennmotorräder auf der weltberühmten Rennstrecke in Spa Francorchamps. Weit über 200 Maschinen donnern dabei am Wochenende über die 7 Kilometer lange Berg- und Talbahn. In diesem Jahr gesellten sich in den Boxengassen erstmals Maschinen mit Stollenprofil dazu. Rund 120 klassische Trialer und 180 Geländeklassiker.

 

Fahrerlager und Parc Fermé an der Renntrecke. Um dorthin zu gelangen, gab es im Vorfeld schon so eine Art Prolog. Alle 500 Teilnehmer der drei Kategorien konnten ab 15 Uhr zur Papierabnahme.  Mehrere Hundert Leute standen sich in einer langen Schlange die Beine in den Bauch. Daran anschließend Wohnmobil-Rennen zum Tor an der Rennstrecke, die erst um 17 Uhr geöffnet wurde. Ja, an einer Rennstrecke kostet jede Stunde richtig Geld, eine Öffnung ab 15 Uhr und das Einhalten der Zonen für die drei Fraktionen hätte alles entzerrt.

Wer nicht unter den ersten 100 am Tor ankam, musste in zwei Dreier-Reihen, wie im Hafen vor der der Urlaubsfähre, erneut lange anstehen und warten. So unkompliziert alles insgesamt abläuft, sollte man in der Organisation schon bedenken, dass bei mehr als einer Verdoppelung der Teilnehmer größere Zeitfenster erforderlich sind. Für 200 Strassenbiker funzt das alles, aber nicht, wenn 300 Stollenritter dazu kommen. Der schöne bunte Plan, welche der drei Fraktionen wo im Fahrerlager parken soll, wurden von der Wohnmobil-Lawine über den Haufen geworfen.

Deux Jours de Stavelot

Hervorragend das Fahrerbriefing vor dem Start. Carolane Jupsin von DG Sport erläuterte alle wichtigen Punkte auch auf Deutsch. Startrampe wurde mit den Trialern geteilt, die zur gleichen Zeit auf die Strecke gingen. Zeitnahme professionell, Ergebnisse am ersten Fahrtag eine Stunde nach dem letzten Fahrer am schwarzen Brett verfügbar. Am zweiten Tag hing dann leider nix aus. Pro Runde standen ein Slalomtest, ein Beschleunigungstest, ein Trialtest und eine Sonderprüfung auf dem Programm. Ich habe keine Vorstellung, wie es die anderen fanden, aber der superenge Slalomtest auf 20×50 Meter Schotter mutete für mich unpassend und etwas gewollt an.

Was wie eine Spaßübung anmutete, wirkte sich jedoch stark im Klassement aus: Leicht konnte man hier so einige Sekunden liegen lassen, oder mehr Sekunden gutmachen, als auf der Sonderprüfung. Zumal vorher nicht gesagt wurde, dass es pro umgefallenes Hütchen eine Strafsekunde gab. Beschleunigungs-Bremstests sind meines Erachtens eine fragwürdige Angelegenheit, wenn am Ende ein Absperrgitter steht, das im Falle einer Fehlfunktion in einer Bremse böse Verletzungen verursachen würde. Der Schalldrucktest dabei ebenfalls.  Die Sonderprüfung: Flache Wiese, links, rechts, links, rechts. Da konnte man nur neidisch auf die zwölf Sektionen der Trialer blicken, die rund um die Rennstrecke in echtem Gelände am Bachlauf gesteckt waren. Der Trial-Test für die Enduristen um 5 dicke Fichten sah nicht besonders schwierig aus, fuhr sich an einer Schlüsselstelle aber stark aus und bescherte doch einigen ungewollte Bodenberührungen mit den Füßen. Insgesamt pro Runde (Samstag zwei, am Sonntag eine) drei ZK mit je 20-30 Minuten Zeit. Das finde ich deutlich zu viel. Start ab 9:30 Uhr. Da nur zwei Fahrer pro Minute starteten, waren die letzten erst kurz vor High Noon dran. Zum Glück war es nicht heiß, die Sonne brannte trotzdem heftig und die lange Rumsteherei an den ZK war nervig. Unschön auch, dass die Tradition der ausbaufähigen Beschilderung von Aywaille sich fortsetzte. Keinerlei Vorankündigungs-Pfeile machte das Fahren zum unerwünschten Suchspiel. Kaum ein Fahrer, der nicht mal einen Abzweig verpasste oder sich verfuhr. Und gefährlich obendrein. Denn leicht kann man dabei von einem Geisterfahrer geschädigt werden. Das widerfuhr dem Nordhausener Kramer-Fahrer Matthias Weber, der von einem belgischen Sportsfreund über den Haufen gefahren wurde. Anstatt sich zu entschuldigen, machte sich dieser aus dem Staub und verweigerte jegliche Wiedergutmachung. Zu Zusammenstößen gab es leider reichlich Gelegenheiten. Viele Wanderer, Cross-Läufer und Mountainbiker waren auf der Strecke unterwegs. Mit reichlich Warnschildern: „Achtung, heute Motorradwettbewerb von XX bis  YY Uhr “ hätte man die unglückliche Situation deeskalieren können. Ich bin froh, dass es keine Zusammenstöße mit anderen Nutzern der Wege gab. Der Gipfel der Fahrlässigkeit am zweiten Fahrtag, als ein Mountainbike-Rennen entgegen der Fahrstrecke stattfand. Uups, wie bitte? Das muss wirklich nicht sein. Zumal das bekannt war. Da reichen Schilder „Achtung Velos“ nicht aus. 10 km/h Schilder aus Karton wären gut gewesen. Wenn man auf dem MTB mit 170er-Puls einen Hang hochstrampelt und dann von 1:20 bis 1:50-Fahnen eingenebelt wird, ist das einfach ätzend und man bringt eine starke Lobbygruppe gegen seine Sache auf. Auch wenn ich kein Freund von Überorganisation bin und den legeren Stil der Belgier sehr mag, aber an Straßenquerungen müssen mindestens große Warndreiecke „Achtung Motorradwettbewerb“ und ein paar Pylonen aufgestellt werden. Ob alle Anwohner von uns „tollkühnen Männern auf den knatternden Kisten“ begeistert waren? Die meisten Akteure fahren mit viel Rücksicht, leider aber nicht alle. Wieso man in einem Hof, den man durchqueren darf, Gas gibt, das der Schotter fliegt, werde ich nie kapieren. Diese hirnlosen Aktionen sollten mit 30 Sekunden geahndet werden. Anders lernen es die Hirnis nie. Leider sind es meistens die Typen, die selber nicht begeistert wären, wenn 180 Fremde an einem Wochenende über ihren Grund und Boden fahren.

Am zweiten Tag gab es zwei massive Streckenmodifikationen und ich befürchte das diese auf Grund von Beschwerden erfolgt sein könnten.

Mein Eindruck ist, dass bei DG Sport das Know-How und Verständnis für Geländesport noch wachsen müssen. Was ja auch völlig normal ist. Für eine Premiere haben die Leute meines Erachtens einen sehr guten Job gemacht. 500 Fahrer aus drei Fraktionen unter einen Hut zu bringen, Chapeau! Neben den Straßenbikern war zunächst nur die Erweiterung um den Trial-Wettbewerb geplant, was man an dem Parcours rund um die Strecke, am Programmhefttitel und Veranstaltungs-Shirt sehen kann. Die Enduristen fehlen da nämlich noch und kamen erst in letzter Minute dazu. Was ein Glück!

In Aywaille war mir letztes Jahr aufgefallen, dass es personell sehr eng und eine DK sogar von Kindern besetzt war. Krasses Kontrastprogramm in Bergamo wo gefühlt drei bis vier Dutzend Helfer allein die Straßenkreuzungen gesichert haben. Wenn aus Mangel an Helfern ein professioneller Veranstalter einspringt, ist das vielleicht eine Option, wie künftig Geländefahrten organisiert werden.

Bewegte Bilder zum Event findet ihr in diesem Video auf Youtube … Die Ergebnisse des Events findet ihr unter diesem Link.

Kompliment an die Organisation für 195 klassische Geländesport-Kilometer und zwei tolle Fahrtage. Eine riesige Bereicherung im Klassik-Kalender alle zwei Jahre.

 

2 Kommentare

  1. Hallo,
    meine Erfahrung mit der Veranstaltung in Stavelot/Francorchamps ist leider eine völlig andere.
    Richtig ist, dass die Strecke und das Gelände für den Enduro-Fahrer sensationell sind, zwar weder extrem schwierig, aber einfach so, wie man sich das Geländefahren wünscht und es nach meiner Erfahrung eigentlich kein andere Veranstalter bieten kann.
    Aber:
    Die Organisation und insbesondere Streckenbeschilderung waren derart katastrophal,dass es mir (und nach meinen Gesprächen der klaren Mehrheit der deutschen Teilnehmer) den Spaß mächtig verdorben hat. Dazu nur die folgenden Punkte:
    In Runde 1 haben sich schon zu Beginn viele derart verfahren und verfranzt, dass jede Einhaltung von Zeiten utopisch wurde. Viele Fahrer haben Teile der Strecke auch im weiteren nicht gefunden und befahren und dann bereits entnervt aufgegeben. Schon die Art der Richtungspfele (Gelb auf blauem Grund) waren untauglich (gibt auf die Enfernung die Mischfarbe grün!). Marshalls waren mit Selbstgesprächen und Pausen statt mit Streckenkontrolle und Richten und Wiederherstellen von Pfeilen beschäftigt. Fahrer waren auf Selbsthilfe angewiesen, was inbesondere beim Verirren im Wald eine Katastrophe ist. Es fand deshalb (auch von mir) ein massiver Protest beim Veranstalter statt.
    Die Orte Neauville und Stavelot wurden von umherirrenden Fahrern völlig unnötige verlärmt. Das fördert die Akzeptanz unseres Sportes nicht.
    Runde 2 habe ich entnervt und auch aus Protest nicht gefahren.
    Runde 3 am Folgetag fuhr ich durch das tolle Wetter versöhnt und mit einem “Guide”, so dass ich mich nicht mehr verfahren habe und die phantastische Strecke (zu 1/4 erstmals) genießen konnte. Man sah, dass nun ein paar Pfeile mehr aufgestellt waren (vermutlich infolge des Protestes). Das war aber immer noch für eine halbwegs professionelle Veranstaltung zu wenig.
    Dafür gab es dann in Runde 3 die nächste unterirdische Katastrophe: Eine Mountainbike-Veranstaltung nutzte Teile der Strecke für ihre Veranstaltung und das zum Teil gegenläufig. Das ist LEBENSGEFÄHRLICH und deshalb für eine Veranstaltung absolut inakzeptabel! Das kann man auch nicht beschönigen oder verniedlichen! Dass auf der Strecke auch mancher Wanderer entgegenkam (es waren teilweise Singletrails), kam noch hinzu.
    Man muss die Veranstaltung mit Aywaille in 2020 und 2021 vergleichen. Ja, auch dort war die Beschilderung “sparsam” und eigenwillig, aber u.a. durch Bodenkennzeichnungen immer hin noch einigermaßen nachvollziehbar. Aywaille machte daher uneingeschränkt Spaß. Stavelot/Francorchamps hingegen war eigentlich keine Enduro-Veranstaltung, sondern eine Schnitzeljagd mit Belästigung der Bevölkerung und Lebensgefahr für Teilnehmer und andere. So was braucht unser Sport nicht!
    Ich habe nichts dagegen, wenn das hier auch veröffentlicht wird.
    Viele Grüße
    Johannes

  2. Hallo,

    es war eine erstklassige Veranstaltung und eine Mega Strecke. Rundherum super!

    Das Rumgeheule wegen der Bepfeilung und dem MTB-Rennen finde ich echt peinlich.

    Habe mich auch am Samstag 3-4 mal verfahren und mit etwas Geduld immer wieder den richtigen Weg gefunden.

    Der Wald war nicht für uns alleine, also nimmt man etwas Rücksicht auf die MTBler.
    Wo ist das Problem, wenn man ja angeblich 30 Minuten vor der ZK rumsteht?

    Auch verstehe ich nicht was an dem Slalom verwerflich war.
    Wer ihn nicht fehlerfrei fährt, bekommt Strafpunkte.
    Stand schon in der Ausschreibung, genau wie die Geräuschmessung.

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